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MIKE H. KEMPER

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Cinnamon Bär

HERBY

Was uns die drei Dudes erzählten war dies : Wir erreichten die Hütte auf der üblichen Route. In Chicago stiegen wir in eine North-West Maschine und gelangten an den Verteiler Flughafen. Dort nahmen wir den Zubringer, ein Propeller-Flugzeug, zur Grenzstadt International Falls. Eure Limousine holte uns dort ab und wir passierten die Grenze. An eurer Türschwelle stiegen wir aus. Da waren wir noch Vier.
Fred, James, Hillary und Herby.
Jeder 62 Jahre alt. Schulfreunde von ganz lange her. 2 Anwälte, ein Versicherungsagent und Herby war Geschäftsmann. Dies war das 27zigstmal in 27 Jahren dass wir mit Tony's gebucht hatten. Immer die gleiche Hütte.
Erste Woche im Juni.
Wir hatten eine Motorauslandung überlebt, drei Tage warten am Base bis sich das Wetter verbesserte, 2 Blitzeinschläge, 7 Bärbesuche in der Hütte, einen Tornado und zahlreiche andere Abenteuer. Das Fischen war jedes mal sehr gut. An dem Base verfrachtete Jeff uns in seinen Vogel, stoppte kurz für Benzin bei Savant und weiter ging’s nach Footprint Lake. Von diesem Punkt an in ihrer Geschichte wurden die drei immer trübseliger beim weitererzählen. Nicht später als die Schwimmer des Beavers die Oberflächenspannung des Wassers überwunden hatte und Jeff über die Baumwipfel verschwand, wurde Herby plötzlich stocksteif und kreideweiß und sagte :
"Uh, ahh,ahhoh."
So stand er da, jetzt ashegrau. Langsam reichte seine Hand zum Herzen. Fred, der Versicherungsagent, sprang zu seiner Seite aber Herby sagte nur noch :
" Scheiß angeln, ich konnte es nie leiden," und sank zusammen, tot wie ein rostiger Türnagel.
Was nun, wir hatten unsere üblichen 5 Tage gebucht und würden solange wahrscheinlich keine andere Menschenseele sehen.
"Natürlich", sagte James "hätten wir uns auch durchschlagen können. Es sind ja nur 25 Meilen durch den Busch."
"Wir hätten es auch geschafft, wir sind an die Wildnis gewöhnt," sagte Paul.
"Aber warum? Er war ja nun schon tot. Was sollte er machen? Uns verklagen? " sagte James der Anwalt.
Wir überdachten das Problem eine Weile und entschieden uns dafür, dass es das Beste wäre ihn zu entkleiden und ins kalte Wasser zu legen. Wir banden eine Kordel um sein Fußgelenk, so dass er uns nicht davon schwamm. Danach brachten wir unsere Sachen in die Hütte und packten unsere Ruten und Rollen aus.
"Herby hätte uns nicht traurig sehen wollen. Wir gingen fischen.
Dieses Jahr war es besonders gut," sagte Fred.
Nur, das Wasser war nicht kalt genug. So sammelten wir ein paar Steine und beschwerten ihn damit. Dann legten wir ihn ins Boot und fuhren ein wenig raus zum tieferen Wasser. Dort versenkten wir ihn, etwa 10 Meter tief. Kalt genug da unten. Natürlich hatten wir ein Seil an ihm festgemacht, an dem anderem Ende eine leere Spülmittelflasche die an der Oberfläche lustig mit den kleinen Wellen auf und ab hüpfte, so dass wir ihn auch wieder finden konnten. " Das war meine Idee ", erklärte Hillary.
Am Tag als Jeff uns abholte, hatten wir Herby schon wieder hochgezogen. Eine Schnappschildkröte hatte sich an ihm gütig getan. Sah hässlich aus.
Seine Augen und weitere Weichteile hatten ihr als Mahlzeit gedient, außerdem war er auch ziemlich angeschwollen. Später im Sommer beichtete uns Jeff, dass er sich bei dem Anblick sofort übergeben hatte.
"Euer Pilot war gar nicht froh, das kann ich euch sagen, er wollte zuerst mit der Leiche garnix zu tun haben. Aber wir konnten Herby ja nicht länger da lassen. Er war in schlechter Verfassung und würde bestimmt nicht besser werden. Schließlich einigten wir uns darauf ihn draußen am Schwimmer festzuzurren. Euer Kollege sagte es müsste wie ein Kanu funktionieren." Ein Schlafsack wurde zur Leichentüte und wir versicherten uns dass er drinblieb. Das erledigt fesselten wir ihn an einen der Schwimmer, den an der Pilotenseite, luden unseren Kram in den Bauch des Vogels und tschüss. Jeff fügte hinzu er hätte ein paar Mal nach ihm geschaut.
Irgendwie rutschte ein Arm aus dem Sack raus und bewegte sich im Flugwind. Es sah wie ein Winken aus, eine Verabschiedung vom See. Der alte Herby hatte seine letzte Angelreise hinter sich.
"Natürlich haben wir für nächsten Juni schon gebucht," sagte Fred als sie uns verließen, den Sarg im Schlepptau auf dem Weg zum Flughafen und Chicago.
" Herby hätte es so gewollt."

Fly-In Hütte am See
Der Traumjob

Schon wieder saß ich in meinem altem 79ziger Ford LTD mit `nem 352M Block und riss die 35o Kilometer zwischen Thunder Bay und Fort Frances runter. Schon zum vierten Male hintereinander, immer Samstag morgens, denn noch besuchte ich während der Woche die Flugzeugmechanikerklassen des Thunder Bay Confederation College. Thunder Bay, 115000 Einwohner, westlichster Binnenhafen am großen Lake Superior. Riesige Getreidesilos bewahren die Ernte der Prärien bis sie in die Bäuche der großen Boote geladen werden. 2 Papiermühlen schicken Rauch in den Himmel, auf ihren Geländen lagern Berge von Baumstämmen. Fort Frances, 15000 Einwohner, Grenzstadt zu Minnesota, USA. Eine Papiermühle und sonst garnix. Außer Sitz von Tony`s Outfitter`s. Ich wollte unbedingt den Job als Pilot einer seiner 185ziger Cessnas. In zwei Wochen würde ich mit der Schule fertig sein und ein Diplom als " Aviation Maintenance Technician " erhalten.
Mit dem in der Tasche und meinem frischem und noch immer sauberen kommerziellen Flugschein war ich bestens gerüstet für den ersten und den am schwierigsten zu erlangenden Fliergerjob. Sie sagten alle: "Vergiß es, du wirst nie irgend `ne richtige Kohle machen mit fliegen, wenn du überhaupt `ne Stelle landest. So viele träumen davon Pilot zu sein, manche bieten sich an für lau zu arbeiten, nur um Erfahrung zu sammeln, um Stunden ins Logbuch zu kriegen. Natürlich würde ich so was nicht tun. Konnte ich mir gar nicht leisten. Ich hatte versucht von Liebe und frischer Luft zu leben, vergeblich. Am ersten Wochenende sprach ich kurz mit dem Boss. Der Herr derer die in die Lüfte wollen. Ich gab ihm mein Bewerbungsschreiben und er legte es auf den Stapel von anderen.
"Ich arbeite sehr hart. Wie sie sehen werde ich bald die Mechanikerschule abschließen, da könnte ich dann auch mit anpacken," sagte ich.
"Oh, das ist ja schön, wir rufen sie an," antwortete er mit so was wie einem Lächeln und wendete sich ab, um, wie ich später lernte, dem Chiefpilot etwas zu sagen. Am nächstem Samstag war er nichtmal da, sondern bei einer Anglermesse, um Kunden zu buchen.
Ich unterhielt mich mit der Sekretärin.
" Hat er schon alle Piloten angeheuert?" fragte ich sie nachdem ich mich vorgestellt hatte.
" Er hat seine Beachfahrer und der Beaver ist wohl auch vergeben.
Es sind wohl noch fünf Bewerber auf der Liste für die zwei Cessnas`. Ich glaub, sie sind einer davon."
" Wann, meinen Sie , wird er sich entscheiden ?"
" Wahrscheinlich Ende April, kurz bevor die Saison beginnt."
Na toll, dachte ich. Wenn ich dann doch nicht ausgewählt werde, habe ich eine Woche Zeit mich um einen anderen Job zu kümmern. Ich hatte volles Risiko gespielt und mich nur auf diesen konzentriert. Am dritten Samstag war er auch nicht da, aber Mary verriet mir es kämen nur noch drei in Frage und ich sollte am kommenden Samstag einen Checkoutflug absolvieren. Das hörte sich schon besser an.
Inzwischen kannte ich die Strecke ziemlich gut. Es war der 25. April. Um fünf Uhr morgens hatte ich das Studentenheim verlassen und kam um 8 Uhr am Base an. Und dieses Mal war er sogar tatsächlich da. Er stand hinter der kleinen Schreibtheke, sprach am Telefon und kritzelte was ins "BUCH".
Nachdem er auflegte ging ich auf ihn zu und sagte :" Guten Morgen..."
Er blickte kurz auf, registrierte mit einem Blick, dass ich kein Kunde, sondern wahrscheinlich nur ein von Abenteuern träumender Pilot war und erwiderte: " Was ist so gut daran ? Halt den Mund." So tat ich den auch.
Das Telefon klingelte. Unglaublich charmant süßelte er durch die Leitung, diesmal offensichtlich ein Kunde. Und richtig, nach 2o Minuten legte er auf und trug säuberlich Daten ins "BUCH" ein. Dann schaute er auf und durch den Raum und endlich sah er mich.
" Und was willst du jetzt ?" fragte er.
" Ich bin Mike Kemper und frage mich was mit dem Checkout Flug ist." Ich war so nervös, dass meine Stimme zitterte.
" Ach, du fragst dich, das ist ja nett." Er drückte sich hinter der Theke hervor, durchquerte den Raum, öffnete eine Tür zum Hanger hin und rief :" Fred, komm her, der Neue will’s dir zeigen!" Raus kam ein kleiner Kerl, sein Overall ölverschmiert. Zusammen gingen wir runter zum Wasser ans Dock.
" Du willst also einer von Tony`s Piloten sein, eh ?"
" Nun, ja sicher. Hat er schon die anderen eingestellt ?"
" Er hat einen. Es ist noch eine einzige Stelle frei."
Er mustert mich, versucht mich abzuschätzen, "wenn er dir einen Checkout gibt, dann hast du den Job wohl, vorausgesetzt mir wird jetzt gleich von deinen Flugkünsten nicht schlecht." Wir steigen in die wunderschöne Cessna und fliegen ca. eine Stunde. Starten und landen. Es war windstill. Im Wasser spiegelte sich die Maschine. Punktlandungen am Rand des Eisfeldes. Mit Flaps, ohne Flaps, mit 20 grad Flaps. Ihm wurde nicht schlecht, aber ich kam ins schwitzen.
Danach marschierten wir den Hügel zum Büro hoch und Fred sagte ihm ich wäre o.k. und der Boss sagte ich fänge am 1.Mai an und ich sagte vielen Dank. So, da war`s also passiert. Ich war Pilot, und Buschpilot noch dazu.. Reichtümer und Ehre und viele, viele Frauen waren mir sicher. Als ich am nächsten Morgen dort auftauchte, hatte ich keine Ahnung wie und wie viel ich bezahlt bekommen würde, welches meine Arbeitszeiten waren und wohin ich den überhaupt fliegen sollte. Der Chiefpilot sammelte uns alle um sich rum und wir stellten uns gegenseitig vor. Sein Name war Frank und er flog natürlich eine der fünf Beach 18`s. Fred flog die Zweite, Darryl die Dritte, Dave und Wrongway Jay die restlichen Zwei. Dann war da noch Jeff, der Beaverpilot, letztes Jahr noch ein Neuling wie ich jetzt und Don, der andere Neue auf der anderen Cessna. Die ersten drei Tage flog ich überhaupt nicht. Langsam bedang ich mich zu wundern und auch ein wenig zu ärgern.
Ich fragte Darryl was denn los wäre.
"Mach dir mal keine Sorgen. Die Angel Saison beginnt am 12. Mai, dann wirst du noch übers fliegen fluchen und dir wünschen du könntest auf festen Grund stehen." "Oh, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich will soviel wie möglich fliegen. Erfahrung und Stunden aufbauen." "Warts ab. Du wirst schon sehen."
In der Zeit, in der wir nicht flogen, arbeiteten wir im Hanger. Wir polierten die Flugzeuge auf Hochglanz und räumten hinter den Mechanikern her. Am Morgen meines vierten Arbeitstages trat ich ins Büro und Bob Bullshit orderte mich an MLO, welches das Kennzeichen meiner Cessna war, für einen Trip nach Lac La Croix fertig zu machen. Frank fing mich auf dem Weg zum Wasser und zog mich zur Seite.
Wir gingen über die Landkarte. Dies sei ein einfacher Flug. Fast immer über Wasser. 55 Meilen, sollte nicht länger als `ne halbe Stunde dauern. " Flieg am Ufer ein paar entlang und halt nach Felsen ausschaue.
Das Dorf liegt an der Flussmündung. Lande auf dem See und taxi rein. Am Dock helfen sie dir."
Ich checkte das Öl, ich checkte den Benzinstand. Ich pumpte die Schwimmer leer und fühlte den Propeller nach Kerben ab. Dann kletterte ich unter das Flugzeug, nur um zu checken.. Das Wasser war immer noch eiskalt, das Meiste des Sees versteckte sich noch unter dem Eis. Nur an den Flussmündungen und Ausläufen ließ sich starten und landen. In einer Woche, so hörte ich immer wieder, sei es überall offen.
Ein Taxi fuhr die Schotterstraße zu uns und herauf. Erst eine, dann noch eine Frau mit einem Baby auf dem Arm steigen aus. Sicherlich nur um sich von der Freundin zu verabschieden. Sie kamen auf mich zu. Der Dockboy zog den beladenen Gepäckkarren hinter sich. Ich begrüßte sie : " Hallo, mein Name ist Mike. Ich fliege sie heute. Wer fliegt denn von ihnen ?"
Sie schauten mich überrascht an, sprachen miteinander und lachten.
Die mit dem Baby erwiderte:" Wir fliegen alle mit, wenn du meinst, du kannst das schaffen. Du bist ein Neuer, nicht wahr.?"
" Ja, das stimmt. Hier habe ich letzte Woche angefangen, aber ich fliege schon seit weit über vier Jahren." Das war auch nicht gelogen, denn so lange habe ich gebraucht, um die 200 Stunden für den Kommerziellen Flugschein zu fliegen, hat mich 12000.-$ gekostet. " Dann können wir ja einsteigen." fügte ich hinzu und versuchte cool zu sein. " Willst du nicht unser Gepäck einladen" fragte dann die andere mit ironischem Lächeln.
" Genau."
Dan und ich luden alles ein. Es ist nicht viel Platz in einer 185ziger. Drei Sitze für Passagiere und einen für den Piloten. Jeweils zwei hintereinander. Dahinter ein bisschen Stauraum fürs Gepäck.
Das Baby schlief. Ich überlegte den Hügel hoch zu stampfen und B.B. zu erklären, dass ein Baby auf dem allerersten Trip doch ein bisschen zuviel sei. Nach jeder Landung dankte ich immer noch dem da oben und jetzt ein BABY ?!?
Natürlich unterließ ich es. Play it cool Sam. Du hast den Test bestanden. Du bist ein Pilot, und ein guter dazu, versuchte ich mich zu überzeugen. Der Motor sprang sofort an. Don hatte mir von Schwierigkeiten erzählt.
Ich taxiete mit dem Wind, im leichtem Wellengang bewegte sich die Maschine von Seite zu Seite. Mein Blick konzentrierte sich auf die Instrumente, ich arbeitete die Kontrollen. Alles in Ordnung. Die Frau mit dem Baby saß hinter mir , sie klopfte mir auf die Schulter :
" Haben sie eine Kotztüte ? Dem Baby könnte schlecht werden." Im Handschuhfach fand ich eine.
Die Abflugstrecke beurteiltete ich für ausreichend, drehte uns in den Wind und schob den Benzinknopf langsam bis zum Anschlag. Die Power der sechs Zylinder mit 300 Ps pflügte uns durchs Wasser bis wir auf es glitten, die Geschwindigkeit steigernd. Schließlich hob die Maschine in die Luft. In den ersten zehn Minuten meines ersten Fluges mit zahlenden Passagieren klappte alles hervorragend. Ich wusste genau wo wir waren und folgte meinem Daumen auf der Landkarte. Es war einfach. Plötzlich kroch ein merkwürdig süßlicher Geruch meinen Nasenlöchern hoch. Es war nicht komisch, es war geradezu übelkeitserregend. Das Kind musste sich wohl übergeben haben und zur gleichen Zeit voll in die Windeln geschissen haben. Wir trafen ein Windloch. Mein Magen begann ein Eigenleben. Ich öffnete die Ventilation total. Das half ein wenig. Oh, lieber Gott, bitte,bitte, lass mich nicht bei meinem allerersten Trip anfangen zu kotzen. Durch meinen Mund atmend erreichen wir zwanzig Minuten später das Reservat. Es war eine gute Landung. Die Frauen und das Baby kletterten aus und keiner wollte einen Flug zurück in die Stadt. Ich taxiete wieder auf den See raus. Der Geruch hatte den Innenraum nicht mit den Passagieren verlassen und so schaute ich hinter den sitz. Dort, auf dem Boden, lag die volle Tüte. Ich hob sie auf und schmiss sie in das Wasser.

Fly-In Hütte am See
Einmal eine Leiche bitte !

Es war alles so schön.
Blauer Himmel, nicht eine Wolke schob sich zwischen mir und der Unendlichkeit des Weltraums.
Eine superleichte Ladung und kein nervöser, vor sich hin blubbernder, schwitzender ,fetter Ami neben mir.
Fast zu schön um wahr zu sein.
Bang ! Banng ! Bannng !
Motorschaden ?
Was ist passiert ?
Kolbenfresser ?
Feuer, Absturz und jetzt hat es mich doch erwischt ?
Bang ! Bang ! Bang !!!
" Swampman, steh endlich auf. Du hast `nen Flug. Raus aus den Federn. Du wirst sofort gebraucht."
Bullshit Bob in Person ruft mir aus der Halle vor dem von Monat zu Monat gemieteten Hotelzimmer um den Hut zu hängen zu.
" Jaja, schon gut," ich krieche aus dem Bett, greife nach meiner Blue Jeans.
" Ich bin gleich da, warte."
Die Radiouhr verrät mir die Zeit : 6:19 .
Der erste Flug war doch erst für 8:30 gebucht.
Mit den Hosen an öffne ich die Tür : " Was ist denn los ? "
Er ist mein Chef. Er ist dick, kurzbeinig, geldgierig und hat `ne Heidenangst vorm Fliegen.
" Du musst sofort nach Lac La Croix fliegen. Ein Polizist wartet schon am Dock. Beeil dich !"
" Ein Bulle ? Was hab ich getan ?"
Sofort wurde mir klar, dass wenn er hinter mir her wäre, würde er nicht am Dock auf mich warten, sondern stände im Türrahmen. In Kanada macht die Polizei nicht allzu viel Faxen.
" Sei nicht albern. Zieh deine Schuhe und beweg deinen Arsch zur Base, aber pronto."
Er lässt mich stehen, um wichtigere Dinge zu erledigen.
" Ich bin gleich da, in fünfzehn ", aber er hört es schon nicht mehr.
Es scheint kein schlechter Tag zu werden.
Der Windsocken hängt halb hoch, vielleicht eine zehn Meilen Brise.
Ein paar weiße Wolken bei schätzungsweise 3000 Fuß, eine gebrochene Decke viel höher. Unten am Wasser steht der Ontario Provincial Policemann neben meiner rotweißen 185ziger Cessna.
Ich frag mich was zum Teufel das schon wieder soll. " Hallo, wie geht`s ? " frag ich ihn.
" Danke gut. Schöner Tag zum fliegen, nicht wahr ? "
Er ist ziemlich groß, rote Haare, irische Sommersprossen. " Ja, es sieht ganz gut aus."
Er quetscht sich auf dem Passagiersitz, ich schlüpfe hinter die Kontrollen und Claude, unser Dockjunge mit Neigung zum ständigem Kater, drückt uns weg vom Steg zum offenen Wasser. Das Triebwerk startet zufrieden stellend. Es weht ein Ostwind. Das ist praktisch, da ich sowieso nach Osten muss und so kann ich die Windgeschwindigkeit ausnutzen ohne viel taxing zu müssen. 2000 Fuß über den Erdboden senke ich die Nase und trimme die Maschine auf gleich bleibende Höhe aus.
" So, dann erzählen Sie mal; warum fliegen wir überhaupt zum Reservat ? " frag ich ihn.
Das Lac La Crois Indianer Reservat, ist ohne Boot oder Flugzeug nicht zu erreichen, denn Straßen gibt es nur im Dorf selbst. Vor 14 Jahren hatten sie sich selbst trocken gewählt, d.h. auf dem Reservat selber durfte absolut kein Alkohol sein. Seitdem ging es mit der kleinen Gemeinde von ca. 300 Leuten langsam aber ständig bergauf.
" Wie, hat ihnen ihr Boss es nicht erzählt ? Ich muss einen Bericht machen und sie müssen die Leiche rausfliegen."
" Eine Leiche, was soll das denn werden ?" sagte ich.
" Na, einen Toten halt. Ein siebzehn jähriger Junge ist gestern Abend gestorben."
" Sie scherzen !? Eine Leiche ?" Ich bin auf alle Fälle überrascht, wenn nicht geschockt. Ich hab noch nie `nen Toten gesehen.
" Machen sie sich keine Sorgen, " unterbricht er meine morbiden Gedanken, " dieser ist noch ganz frisch, macht keine Probleme,"
ergänzt er mit leichtem Grinsen. " Was soll das schon wieder, keine Probleme ? "
" Nun, manchmal machen sie Geräusche. Nie nach einer Nacht, glaube ich. Sie wissen schon, blubbernde Laute von den Gasen im Magen."
" Oh, ja, natürlich, " stimme ich ihm zu.
" Dieser wird nur eine normale Leiche sein, zu frisch."
Ich sehe ihm an, dass er meine Reaktion belustigend findet und um noch eins drauf zu setzen fügt er hinzu : " Er könnte höchstens ein bisschen furzen, das tun sie manchmal auch."
" Dachte ich mir schon."
Eine halbe Stunde später setze ich meinen Vogel aufs dunkle Wasser und taxi zum Hauptdock des Dorfes. Eine kleine Gruppe Indianer hat sich am Strand versammelt. Ich kann keinen Sarg entdecken. Ich sichere das Flugzeug mit einem Seil, welches eine Ende ständig an einem der Schwimmer befestigt ist, mit dem anderen an dem Steg an die dafür gedachten Metallhalterungen. Nach einer Weile bewegt sich etwas oben am Hügel und ich verfolge wie vier Männer eine Trage mit einem dünnen Körper drauf den schmalen Weg hinunter tragen. Ein fast durchsichtiges Tuch bedeckt den armen Kerl. Eine Kordel taucht auf. Sie binden ihn gut und fest, erst der rechte Arm, dann wird der andere hoch gehoben um Drumherum die Schlinge zu führen. Das gleiche mit den Beinen. Ich frage mich wie wir den ins Flugzeug kriegen sollen.
Der Polizist meldet sich wieder: " Ich glaube sie nehmen am Besten die Tür raus und bauen den Sitz aus. Ich bleib sowieso hier, und sie fliegen alleine zurück." Na klar. Einmal eine Leiche bitte.
Es ist ganz schön schwierig die Bahre in die Cessna zu bugsieren ohne den Jungen in den See fallen zu lassen. Zu einem Zeitpunkt müssen wir sie 90 Grad schräg halten um ihn zwischen den Flügelstrut und dem Türrahmen zu schieben.
Aber endlich liegt er neben mir und wir starten durch Richtung Base, wo angeblich eine Ambulance auf meine Fracht wartet. Der Bulle hatte natürlich recht. Der Typ hat mit keiner Wimper gezuckt, und ich konnte durchatmen.
Einmal in der richtigen Flughöhe und ausgetrimmt dachte ich daran das Tuch zu lüften und mir das Gesicht anzusehen, aber ich tat`s nicht. Ich habe Moralvorstellungen und respektiere die Ehre anderer. Oder vielleicht war mir auch irgendwie nur unheimlich.

Das Wetter ganz ist aus !

Larry hatte natürlich recht.
Sobald die Angelsaison los ging, flogen wir ständig. Etwa 5-6 Stunden Flugzeit. Nachdem du gelandet bist, downwind für Start und Landungen getaxiet, getankt und deinen Vogel ent- und beladen hast, summiert sich das dann zu einem 10-13 Stunden Arbeitstag. So langsam gewöhnte ich mich an die Teufelsmaschine und kam gut mit ihr zurecht.
Dann kam der Tag als die drei fetten Dudes aus Texas zu dieser Lodge ca. 200 Meilen westlich an einem mir noch unbekanntem See mit ihren drei riesigen, zum platzem gefüllten Dufflesäcken wollten. Einer meiner Kollegen zeigte es mir auf der Karte. Ich markierte die Stelle mit einem Kugelschreiber und würde meinem Daumen bis dorthin folgen. Außer dass, das Wetter fast ganz danieder lag.
Wolkendecke bei ca. 1000 Fuß über dem Boden, mache fingerten noch tiefer. Wenn du zu einem See fliegst, gibt es dort keinen Radiosender den du anpeilen kannst, also findest du ihn nur durch konstantes auf die Oberfläche schauen und das, was du dort erkennst mit dem was du auf deiner Karte hast vergleichst. Je höher du bist , sagen wir 3000 Fuß, umso leichter, dann kannst du weit voraussehen und hast viel Zeit. In 1000 Fuß Höhe scheint alles einfach vorbei zu schießen. Mein Kompass war kaputt. Das Funkgerät hatte Syl am morgen ausgebaut um es zur Reparatur zu schicken. Es regnete. Vielleicht fragen Sie sich, ob Mensch denn überhaupt ohne Kompass, ohne Funkgerät, mit stark überladenen Flugzeug in schlechtem Wetter fliegen darf ? Mein Boss sagte man darf alles, nur sich erwischen lassen nicht und ob ich vielleicht doch lieber Dockboy sein möchte ? Meine arme Cessna ächzte unter der Last von den 3 oberfetten Amis mit Ihrem furchtbaren Gepäck und den übervollen Benzintanks. Nur dem starken Wind verdankte ich überhaupt abgehoben zu sein.
Irgendwie fand ich die Lodge, auf einer der tausend Inseln im Lake of the Woods. Hinter mir senkte sich das Wetter bis aufs Wasser. Keine Chance zurück zu fliegen. Ich wartete eine Stunde, nahm sie hoch, kreiste 2 mal um die Lodge und verlor die paar Häuschen beinahe aus den Augen. Es half nichts, ich musste die Nacht wohl an Ort und Stelle verbringen. Ob ich wohl gefeuert würde ? Aber ein Mann muss tun was ein Mann tun muss, ich fühlte mich zu jung zum sterben. Der Manager von der Lodge erschien mir merkwürdig, aber freundlich. Durch die Angestelltentür betrat ich die Küche. Zwei bildhübsche Mädels bereiteten das Abendessen für die zahlenden Gäste vor. Vielleicht wandelte sich der Tag doch noch zum Guten. Der Name des Kochs war Hugh. Ein britischer Landsmann, etwa 30. Nachdem der freundliche Kerl mich an den Tisch setzte hatte ich auch schon eine dampfende Tasse Kaffe vor mir stehen. Dann fiel mir ein, dass es eine gute Idee wäre, den Boss anzurufen, er könnte mich ja vermissen, bzw. sein Flugzeug. " Hi Bob. Ich bin`s, Mike." " Was fürn Mike ?"
" Mike Kemper, einer Ihrer Piloten." " Was willst du ?" " Ich glaube nicht, es wird mir möglich sein, heute zurück zu fliegen." Jetzt kommt’s, er schmeißt mich raus. " Wieso ? Was hast du angestellt ?"
Was ich angestellt habe ??? Nichts, oh na klar, er dachte ich hab sein Flugzeug versenkt oder so was. Erleichtert antwortete ich : "Ich hab nichts getan. Das Wetter ist ganz aus. Ich bin gerade noch hier angekommen." Durchs Telefon konnte ich seine Erleichterung spüren. " Nun, wenn das Wetter wirklich so schlecht ist, musst du halt die Nacht dort bleiben, oder hast du Deinen Teddybär nicht dabei ? Und morgen, in aller früh, fliegst du zurück. Es wird klar sein dann." " O.k. Bis morgen dann." " Sobald es hell wird!" " Na klar."
Na was dachte er denn. Das ich die ganze Nacht durchsaufen würde oder was? Ich ging zurück zur Küche und benahm mich freundlich. Vier Mädels zwischen 18 + 24, zwei Angelführer und Hugh der Koch. Netter Haufen, aus ganz Kanada.
Nachdem wir gegessen hatten mussten die Mädels die Gäste bedienen und ich schlenderte mit den Führern in deren Cabin. Der Dicke, ein Hells Angel in seinem zivilen Leben, kramte sein Tatooset aus und tatoote den Arm des anderen. Wir tranken ein paar Bier bis sie alle waren. Der andere sagte : "Wir kaufen ein paar Bier vom Manager für die Party."
Party??? Ich sagte : " O.K., ich kauf auch ein paar."
Wir kauften jeder sechs Flaschen und leerten ein paar in der Cabin. Dann war es Zeit für uns zur Cabin der Mädels zu wechseln. Die waren mit Ihrer Tagesarbeit fertig und zogen sich um und tranken ein paar Bier mit uns. Eine, die Gefährliche, zeigte mir Ihre Falten am Bauch von Ihrer Abtreibung. Als das Bier alle war gingen wir.
Sie ließen mich in eine leere Gastcabin schlafen. Nach einer kleinen Weile stolperte ich durchs Dunkle zur Cabin der Gefährlichen. Aber nach einer noch kleineren Weile schmiss sie mich raus und ich ging zu Bett. Am Morgen darauf fühlte ich mich nicht so besonders wohl, aber der Himmel hatte sich über Nacht geklärt und ich flog nach Hause.

Kater

Es war wieder einmal ich, der eine Woche im Sommercamp verbringen musste. Alle Hände hatten viel zu tun gehabt,und keiner die Zeit zum feiern gefunden. Die Geologencrew hatte ihr Hauptquartier wieder in das leerstehende Feuerkämpfer-Base verlegt. Den ganzen Tag fuhren sie mit ihrem Jeep die Schotterstraßen der Baumfäller auf und ab, sammelten Steine und Felsbrocken an vorher von Luftkarten bestimmten Punkten auf, und abends analysierten und speicherten sie die Ergebnisse in ihre Computer. Jeff hatte wohl ein Auge auf Nancy geworfen.
Am Abend meines ersten Tages im Sommerbase schauten wir Canadian Football auf dem kanadischen Regierungskanal und tranken dazu ein Bier.
"Aber Jeff, ich dachte sie ist verheiratet?" sagte ich.
"Ach Mike, sie flirtet die ganze Zeit mit mir, verheiratet oder nicht, so wie sie Witze macht und mich dabei immer so anlächelt. Ich sag' dir, die will mich. Ich hab' hier'ne Bombenchance. Ich glaub' ich lad' sie demnächst zum Essen ein. Ich 'buzzte' sie heute echt gut und sie war da, ich bin mir sicher." Dabei schaut er lächelnd in die Ferne.
Es war mir ziemlich egal, zumal ich Michelle als Frau meiner Träume sah und wunderte mich laut: "Wie konnte sie denn da sein, und was meinst du überhaupt mit 'buzzen'?"
"Ah, das weißt du nicht. Einer von den fünf bleibt tagsüber immer im Camp, kocht, räumt auf und arbeitet am Computer. Auf meinem Weg zurück vom Forellensee schwenkte ich auf ihr Lager hin. Der Anflug war schon tief und an ihrem See ging ich fast bis zum Wasser runter und schoss auf die Gebäude zu. Mannomann, es war knapp. Ich zog sie gerade noch rechtzeitig hoch, um den Funkturm zu überfliegen. Sie stand draußen und winkte mir zu. Ich weiß, sie will meinen Körper."
"Ja, klar. Und ich bin der Präsident von AIR CANADA.", aber er hatte da was.
Jeff hatte also damit angefangen. Der Rest von uns machte es ihm nach, und den ganzen Sommer über versuchten wir uns beim "buzzen" gegenseitig zu übertreffen. Sogar kurze Umwege wurden, zu Lasten der Firma, geflogen, nur um über dem Camp mit unseren Künsten anzugeben. Passiert ist dabei zum Glück nie etwas, aber ein wenig tollkühn war's doch. Am folgenden Abend fuhren wir mit dem inzwischen reparierten Basetruck zu ihrem Camp. Wir blieben nur eine kleine Weile, vereinbarten aber ein Mega-Fish-Grill mit großem Lagerfeuer am kommenden Freitag. Die Fischfilets versprachen wir mitzubringen, denn wir hatten in unserer Tiefkühltruhe immer einen großen Vorrat davon, geschenkt von den Dudes, die manchmal mehr als ihr gesetzlich erlaubtes Limit fischten und am Ende ihres Trips es doch mit der Angst zu tun bekamen, und uns die Überzähligen daließen.
Die Frauen versuchten, uns das "buzzen" auszureden. Scheinbar flogen wir ein paar Mal so dicht über die Dächer hinweg, dass sie Angst um ihre Dachplatten bekamen. Uns Piloten war es offensichtlich, dass sie geschmeichelt waren, und erklärten, es wäre alles eine notwendige Übung für den Fall, dass das Wetter mal so schlecht wäre und die Wolken so tief hingen, dass wir gezwungen wären "on the deck", also ca. 5 Meter über dem Wasser zu sausen.
Freitag rollte herbei und der letzte Flug vom Tage war endlich erledigt. Wir fesselten unsere Vögel sicher ans Dock und ließen den Dockboy Öl und Benzin für den nächsten Morgen auffüllen. Laut Buchungsbuch sollte es ein früher und voller Tag werden. Die erste Ladung für Jeff zum Outpost auf Hillary Lake um 5 Uhr, um 5:30 Uhr Darryl nach Pemahkin und ich nach Funny. Manchmal fahren die Dudes schon früher ein mit ihren großen Wohnwagen und hämmern gegen unsere Tür oder noch schlimmer, kommen einfach in unsere Wohnräume und scheppern solange mit Tellern und Tassen beim Kaffeemachen hin und her, bis wir endlich wach werden.
Eines schönen Tages machte Jeff dem allerdings ein Ende, als er einen unserer Kunden am Hosenboden zur Tür rausschmiss. Um solche Szenen in Zukunft zu vermeiden, hing ich ein Schild an unseren Eingang, welches auch die erwünschte Wirkung zeigte: NO ENTRANCE OR WE KILL.
Als wir bei den Geologinnen und Geologen ankamen, lag schon ein großer Haufen Brennholz im Hof. Die zwei Männer, John und Mark, hatten wohl die meiste Arbeit geleistet, und alles aus dem nahen Busch getragen. Unglücklicherweise hatte uns Paul erpresst nämlich damit, dass wir den Basetruck nicht benutzen dürften, wenn wir nicht ihn und seine Freundin mit zur Party nahmen. Alle zusammen bildeten wir eine Gruppe von elf Leuten. Die fünf Geologen, Paul und Freundin, Dan, der Dockboy und wir, die drei Piloten. Das einzige, was Paul wirklich gut konnte, war Fisch zu frittieren, natürlich mit seinem ureigenen Bierrezept. Nach dem Essen zündeten wir den Holzhaufen an. Bald überdeckte uns die Nacht, wir redeten und wir lachten und wir tranken, mehr als gut für uns war. Die Nacht war klar, die Sterne blinkten zu unserer kleinen Party herunter. Als Nancy, schließlich war sie die Leiterin der Gruppe und verantwortlich, uns endgültig vom Gelände schmiss, ging es stramm auf 1:30 Uhr zu. Ich kann mich nicht erinnern, wer am Steuer saß, oder wie wir zu unserem Base zurückkamen. Woran ich mich allerdings lebhaft erinnere ist, wie ich mich am nächsten Morgen fühlte. Ein Kater war für mich noch nie der beliebteste Teil einer Feier. Mit einem Kater zu fliegen wird immer das Schlimmste sein, wofür ich mich freiwillig gemeldet habe. Kein Beten und Wünschen ließ Paul verschwinden oder die Dudes plötzlich ihre Ferienpläne ändern. Ich stolperte aus unserem Verschlag, mit einem Styroporbecher voll heißen Kaffees wackelte ich runter zum Dock. Dan und Paul sahen nicht gut aus, ich nehme an, ich nicht viel besser. Wir luden ihr Gepäck ein, und ich ließ die Maschine an. Ich lenkte das Flugzeug weg vom Dock. Mit einem Fuß sperrte ich die Tür auf und ließ die kühle Morgenluft vom Propeller, der sich einen Meter vor mir mit lautem Getöse drehte, zu mir in das Cockpit drücken.
Wir hoben ab. In hundert Meter Höhe ging ich vom Gas runter und drückte die Nase nach unten. Wir landeten, unsanft. Mir war kotzelend. Der Propeller drehte sich noch mit eigenem Schwung, als ich schon meinen Sicherheitsgurt gelöst hatte und auf meinem Schwimmer stand. Mit einer Hand hielt ich mich am Flügelstrut fest, dann übergab ich mich einige Minuten lang gewaltig. Danach ging es mir besser. Ich kniete mich auf dem Schwimmer nieder und säuberte mein Gesicht mit dem kalten, sauberen Wasser. Mit einem Schafsgesicht kletterte ich in das Flugzeug, murmelte etwas wie eine Entschuldigung und schob es auf einen tückischen Virus, der zur Zeit umging. So wie die grinsten, glaubten sie mir jedes Wort. Während des Tages verschlimmerte sich die Lage nicht, besser wurde es allerdings auch nicht. Alkohol nimmt'ne Menge Energie aus einem, was wiederum zu einer Abnahme von Konzentration und Urteilskraft führt. Zufällig sind das die zwei notwendigsten Eigenschaften, die ein Pilot beim Fliegen braucht. Diese Lektion lernte ich an dem Tag zu würdigen, beinahe hätte ich dafür mit meinem Leben bezahlt. Um sechs Uhr abends, nachdem ich den ganzen Tag geflogen war und gerade mit dem Vertäuen des Vogels begonnen hatte, kam Paul auf mich zu:
"Tut mir leid, Mike. Habe gerade einen Funkspruch vom Großen-Otter-Reservat erhalten. Ihr Buchhalter muss heute noch raus. Ich werde das Abendessen fertig haben, wenn du zurück bist."
Ich wollte ablehnen, zur Hülle mit dem Indianer, ich war müde und mir war elend und ich verdiente eine lange Pause. Natürlich konnte ich nicht. Es war meine eigene Schuld, mich zu fühlen, wie ich mich fühlte, und dies war mein Job und dafür bekam ich mein Geld. Dan half mir beim Auftanken und ich flog los. In sechshundert Metern Höhe schaute ich nach Westen und dachte mir, dass diese dunkle Front, die schon den ganzen ag dort hing, sich langsam in unsere Richtung bewegte. Toll, das hatte mir gerade noch gefehlt, ein Sturm. Nach einer schnellen Kopfrechnung müsste ich im sicheren Heimathafen wieder angelangt sein, bevor das Unwetter über uns hereinbrechen würde. Zum Glück stand der Buchhalter schon am Dock des Reservats und wartete auf mich. Landen, einladen und starten dauerte keine drei Minuten, noch zwanzig Minuten für den Rückflug.
Gerade beendete ich den Funkspruch an in die in der Nähe fliegenden Piloten, in dem ich sie auf meinen Start und Flugrichtung aufmerksam machte, als ein furchtbares Krachen die Muscheln meiner Kopfhörer vibrieren ließ. Ein Blitz und was für einer: seine elektrische Entladung raste blitzschnell durch den Äther und so kann man ein Gewitter oft schon hören, bevor man es sieht. Die Front wanderte schneller als erwartet, von einem kräftigen Westwind geschoben. Nach der Hälfte der Strecke wurde mir klar, dass es ein knappes Rennen werden würde. Der Himmel verdunkelte sich immer mehr und ich sah viele Blitze zu Boden jagen, augenblicklich gefolgt von sehr nervigem Krachen zwischen meinen Ohren. Ich funkte voraus:
"MLO-Base."
"Base-MLO, ich höre."
Ich erkannte Darryl am Mikrofon. Er konnte mir sagen, wie es mit dem Wetter stand.
„Wie sieht's aus bei euch?" fragte ich.
"Tja, was soll ich dir sagen. Es ist noch nicht über uns, aber bald, wie lange brauchst du noch?"
Ich wusste, in acht Minuten könnte ich es schaffen und antwortete:
"In fünf bin ich da, meinst du es hält solang?"
"Ich weiß nicht, vielleicht nicht. Besser du landest und wartest, bis es vorbeigezogen ist.", und damit legte er die Entscheidung in meine Hände, wo sie ja auch hingehörte. Warten, bis es vorbei war, klaro. Bis dahin ist es dunkel und ich steckte mit dem Buchhalter an irgendeinem Felsen im See die ganze Nacht fest. Bei Nacht darf man nämlich keine Wasserflugzeuge fliegen.
"Ich versuch's noch ein bisschen, halt Ausschau nach uns."
"O.K."
Jetzt erkannte ich den Hügel, an dessen Fuß unser Base lag. Ein weiterer Blitz und ein Krachen, diesmal noch heller und lauter als die vorangegangenen. Noch zehn Meilen, wenn es doch nur noch sechs Minuten weg bliebe. Ich warf einen Blick auf das Gesicht meines Passagiers. Natürlich konnte er den Sturm auf uns zuziehen sehen, aber er schwieg. Er hatte auch keine Lust auf eine nasse, kalte Nacht und traute meine Professionalismus. Ich begann mit dem Sinkflug und richtete sie auf eine Geradeeinlandung, trotz des leichten Seitenwindes. Mir war nicht nach einer langen Fahrt auf dem Wasser zu Mute, nur um zu guter letzt dort vom Blitz erschlagen zu werden. Die anderen Flugzeuge schwammen, festgezurrt in ihren Parkbuchten am Dock. Noch ein Blitz. Ich schwöre, der schlug im Hügelgipfel ein, aber jetzt war ich schon am flaren. Dann, Kontakt mit dem Wasser, ungefähr 400 Meter vom sicheren Hafen. Ich entspannte mich, ließ den Steuerknüppel etwas zu weit nach vorne, den Schwerpunkt etwas zu schnell zu sehr zur Nase verlagernd. Die Spitzen der Schwimmer tauchten ins Wasser, verzweifelt zog ich den Steuerknüppel nach hinten, zu spät. Der Rest vom Flugzeug folgte den Schwimmern und überschlug sich, blieb auf der Oberseite der Flügel kurz auf dem Wasser und begann rapide zu sinken. Mein Sitz rutschte nach vorne und klemmte mich ein. Meine Finger erreichten die Sicherheitsgurtschnalle nicht, dann war auch mein Kopf unter Wasser. Jetzt wurde es richtig dunkel um mich herum, ich konnte nur ein lautes Rauschen hören, dann war alles schwarz. Ich erwachte mit argen Kopfschmerzen in unserem Pilotenverschlag. Jeff erzählte mir, was sich ereignet hatte: Mein armer Vogel überschlug sich und sank binnen Sekunden. Der Buchhalter kletterte vor dem Untergang hinaus und sprang ins Wasser. Dort bemerkte er, dass ich nicht mit ihm an der Oberfläche schwamm und unter Lebensgefahr tauchte er nach mir.
Er öffnete den Gurt und zog mich aus dem Cockpit und an die Luft. Dan und Jeff waren mit dem Crashboot ausgefahren und hievten uns hinein.
Ich war 16 Stunden bewusstlos und hatte eine leichte Gehirn- Erschütterung.
Das Flugzeug sank bis zum Grund, ca. vier Meter tief, 25 Meter vom Strand entfernt. Phil, unser Chefmechaniker, und seine Crew hatten sie am Abend des nächsten Tages gehoben und innerhalb einer Woche arbeitete ich wieder, den Himmel befliegend.
Mein Boss machte mich nicht fertig, tatsächlich sprachen wir fast nie wieder von meinem Unfall. Selbstverständlich würde es für immer in meinen Arbeitspapieren stehen, und mir war klar, dass ich so eine Scheiße nur einmal bei Tony's machen durfte. Es war auch nicht die letzte Dummheit, die ich beim Fliegen machte, aber es war das letzte Mal, dass ich mit einem Kater flog.

Kleine Fische

Unsere Kunden, die Dudes, sind meistens stinkreich. Gelegentlich fliegen wir auch mal ein paar Flitterwöchner oder 4-5 arme Schlucker, die jahrelang für diesen Trip gespart haben. Eine durchschnittliche Gruppe sind aber 4-6 reiche Amerikaner 40-60 Jahre alt, weiß, männlich, übergewichtig und bereit, fünf Tage hintereinander in einer Hütte an einem einsamen, nur mit dem Wasserflugzeug zu erreichenden See, zu saufen. Und fischen tun sie auch ein wenig. Tony's hat sechs Hütten an sechs Seen nahe bei unserem Heimathafen und sechs weitere 200 Meilen nördlich um unser Sommercamp verstreut. Der Mann der Regentin managt das Sommercamp. Er, Paul, ist um die 65 und Alkoholiker. Er ist einigermaßen entspannt und hat ein freundliches Gemüt, wenn er getankt hat ist er allerdings zu nichts zu gebrauchen. Also meistens. Wir Piloten wechseln uns jede Woche da oben ab, fliegen unsere Hütten und die anderen Camps ohne eigene Flugzeuge an. Wir hassen es. Wir schlafen in einer heruntergekommenen Bruchbude. Es ist klein und dreckig, stinkt und wir müssen uns mit Paul und seiner saufenden Trinkfreundin abgeben. Die Touren, die wir fliegen, sind meistens kurz, 15-30 Meilen und da wir pro Meile bezahlt werden, ist der Verdienst schlecht. Das winzige Dorf in der Nähe, Savant Lake, hat nur eine Bar.
Eines Tages flog ich zu diesem kleinen See, Long Lake hieß er, um Köderfische zu laden. Paul hatte irgendwie die stabilen roten Behälter verlegt und ich musste mit den dünnwandigen, durchsichtigen Plastikwasserblasen auskommen. Ich flog gerne dort hin. Aus irgendeinem mir unbekannten Grund war dieser See ein beliebter Versammlungsort für Elche. Einmal beobachtete ich neun Stück gleichzeitig, Bullen, Kühe und Kälber. Manchmal führte meine Startbahn direkt auf sie zu und darüber hinweg. Zuerst hören sie meine Propeller die Luft zerbeißen, dann sehen sie den Metallvogel und fangen an zu laufen, doch schon fliege ich in 30 Meter Höhe über die Tiere hinweg und lasse sie, verwundert hinter mir herstarrend, zurück, wo sie kurz darauf ihrer ursprünglichen Beschäftigung, dem Fressen saftiger Wasserpflanzen, wieder nachgehen. Der Helfer des Köderfische-Händlers erwartete mich an seinem Behelfsdock mit all den kleinen Fischen in einem Lebendkäfig im Wasser. Wir füllen meine Behälter zu einem Drittel mit Wasser und dann mit Hilfe eines Trichters zu einem weiteren Drittel mit den etwa fingerlangen Fischchen. Zum Schluss rollen wir die Sauerstoffflasche aufs Dock und schießen durch ein Ventil soviel hinein, dass sich die Wände unter dem Druck nach außen wölben. Dies ist unerlässlich, da ansonsten die armen Kreaturen bei meiner Ankunft am Base schon erstickt wären. Einmal die Woche hole ich die Lebendköder, mir gefiel's, da ich auf mich alleingestellt war und mich nicht mit Touristen rumschlagen musste. Bei früheren Missionen hatte ich allerdings immer die stabilen roten Behälter dabei. Wir verstauten und vertäuten 12 von den prall gespannten Blasen hinter meinem Pilotensitz. In jedem tummelten sich ca. 80 Dutzend Fische. Bei einem Dollar fürs Dutzend lohnte sich der Aufwand schon. Der Helfer, Leroy, wollte mich aber so schnell nicht weglassen. Da er alleine in seinem Zelt auf der kleinen Insel für sechs Wochen lebte, würde er eine Woche lang keine Menschenseele mehr sehen, und dann auch nur mich oder einen meiner Kollegen für kurze Zeit. "OK. Leroy, ich muss los. Am Base warten weitere Trips auf mich."
"Ja klar, Mike. Noch vier Wochen, dann bin ich raus hier. Die ersten zwei fand ich toll, weißt du, die Elche kommen manchmal fast bis ans Zelt ran. Und ich höre die Wölfe oft. Den anderen Tag hab' ich auf einen geschossen, ich hab' das Mistvieh verfehlt, aber den krieg ich noch." "...wenn er dich nicht zuerst schnappt!" foppe ich ihn.
"Oh, das wird er nicht. Ich weiß wie die denken. Beim nächsten Vollmond. Sag' mal, gibt's eigentlich irgendwelche Frauen im Dorf?" Seine Augen wurden glasig.
"Kann ich dir wirklich nicht sagen. Ich war selbst schon 'ne Weile nicht mehr dort. Arbeite von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, esse und leg' mich zum Schlafen hin. Ich hatte seit 43 Tagen keinen freien Tag mehr. Es kotzt mich an."
"Ja, aber wenigstens siehst du Menschen."
"Auch wieder wahr, nur die können einem auch auf die Nerven gehen. Egal, ich muss jetzt los." Nun wurde er richtig traurig. Ein schwächerer Charakter hätte vielleicht geweint. Verzweifelt suchte er nach etwas zu besprechen, irgendetwas, um meinen Abflug hinauszuzögern:
"Du bist sicher, die Behälter sind richtig festgezurrt?"
"Yupp."
"Dein Vogel fliegt rund? Keine Öllecks?"
"Nein. Alles im Lot."
Nun fiel ihm nichts mehr ein. Er zog ein tapferes Gesicht und sagte:
"Na, dann hau' schon ab! Ich drück' dich vom Dock ab."
Wir drehten die Maschine in den Wind und er hielt sie am Schwanz fest bis ich den Motor zum Laufen gebracht hatte. Ich fuhr zum Ostende des Sees. Eine leichte Westbrise würde mir helfen, uns vom Wasser zu heben. Der See war eigentlich nur ein großer Teich und ich musste alle natürlichen Gegebenheiten ausnutzen, um die hohen Nadelbäume am Westende zu überfliegen. Ich pflügte durchs Wasser und half der Cessna auf die Gleitstufe. Die Geschwindigkeit nahm schnell zu. Ich konnte es fühlen, sie wollte fliegen. Ich begann leicht den Steuerknüppel nach hinten zu ziehen, um die Nase dem Himmel zuzuführen, als ein gewaltiges -BANG- mir das Herz fast stocken ließ. Unglaubliche Gedanken blitzten durch mein Hirn, jetzt ist es also soweit, jetzt hat' mich erwischt, der Motor ist explodiert, bald würden mich Flammen umschließen, ich brenne zu Tode oder halbverbrannt krieche ich aus dem Cockpit, um im See zu ersaufen. Leroy findet nur noch meine verkohlte Leiche oder die Benzintanks gehen in die Luft und beenden meine Existenz in einem glühenden Feuerball. So jung und schon alles vorbei.
Nein, nein - Buschfliegen ist nicht gefährlich, solange du aufpasst wird schon nix passieren, hatten sie gesagt. Warum hatte ich den Bürojob letztes Jahr nicht angenommen? Gleichzeitig reagierte ich und ging vom Gas runter, das Flugzeug nahm an Fahrt ab und ich bereitete mich auf meine Evakuierung vor, um zum Land zu schwimmen. Der Motor lief im Leerlauf rund vor sich hin, also da lag das Problem nicht. Vielleicht hatte ich, trotz meines Überfliegens beim Anflug einen tückischen Felsen übersehen, denn die haben die Angewohnheit, aus tiefem Wasser plötzlich hochzuwachsen, und hatte ihn mit meinem Schwimmer gestreift. Ich schaue aus dem Fenster, nein, auch nicht, beide schwammen friedlich im See. Dann vernahm ich ein leises, flappendes Geräusch hinter mir. Ich drehte mich im Sitz und entdeckte die Katastrophe. Eine der Blasen hatte dem Druck nicht mehr standhalten können und war geplatzt. Hunderte Fischlein zappelten nach Luft schnappend auf dem Boden und zwischen den anderen Behältern. Ich war erleichtert, die Fische teilten dies sicherlich nicht mit mir. Ein paar handvoll häufte ich zusammen und warf sie ins Wasser. Die hatten Glück. Anschließend fuhr ich zum Ende des Sees und hob ab. Diesmal ohne Überraschungen.
An dem gleichen Abend musste ich meinen Vogel säubern. Der Dockboy weigerte sich vehement, er behauptete es wäre meine eigene Dummheit gewesen und ich solle die Suppe selber auslöffeln. Paul dämmerte mal wieder im Alkoholdelirium und ich konnte ihn nicht dazu bringen, es dem Jungen anzuordnen. Als ich damit fertig war, dachte ich gute Arbeit geleistet zu haben.
Ich sah schließlich keine Fische mehr.
Drei Tage später begann das Flugzeug fürchterlich zu riechen, nicht nur der übliche fürchterliche Benzin- und Ölgestank, nein, dies hatte den hundertprozentigen faulenden Duft von verrottendem Fisch. Ich versuchte es einen Tag lang zu ignorieren, hoffend es würde von alleine weggehen. Es ging nicht. Ich verbrachte sechs Stunden damit, die Bodenpaneele abzuschrauben und Stück für Stück die schimmelnden Burschen rauszupicken. Es wurde mir klar, was passiert war. Die Fische hatten solange gezappelt, bis sie in die Spalten fielen und dort verendeten. Ich wusch alles mit Seifenlauge und Wasser und sprayte Deodorant.
Ich sprühte noch weitere fünf Tage.

Kanu am See

Overload
Zum ersten Mal bedauerte ich das meine -Tour of duty- in Savant zu Ende ging, aber meine Woche war vorbei und der Weg in die Zivilisation und die immense Stadt von über 10000 Einwohnern mit unsere Hauptbasis lag vor mir. Dort gab es ein echtes Safeway mit richtigen Lebensmitteln. Ein Kino mit nicht einem, nein, zwei Filmen jede Nacht! Mein Fernseher in meinem Hotelzimmer hatte sogar Kabel. Und die Bars, es gab einige !!! Zwei hatten sogar etwas ähnliches wie Klasse.
Diese Stadt war so groß, sie operierte fünf Ampeln gleichzeitig, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche ! Wir sprechen sozusagen von einem Bienenhaus der Geschäftigkeit. Auf ein kleines Wunder hoffend ,spekulierte ich darauf dass Jeff, Don und Mike, die jetzt dort Schicht machten, irgendwie von den Geologinnen nichts mitbekämen und riss meine üblichen langen Tage runter. Nachdem ich einen freien Tag, ermöglicht durch die notwendige Inspection meines Vogels durch unsere fähigen Mechaniker, so richtig genossen hatte, begann der darauf folgende Morgen mit der so verhaßten ersten überschweren Ladung. Die Cessna 185 darf offiziell ein maximales brutto Gewicht, also einschließlich das Gewicht des Flugzeuges, des Piloten, Benzin und der Ladung von 3350 lbs. gleich 1600 Kilo, nicht überschreiten. Sobald ich mich und Öl und Benzin zum Leergewicht addierte ergaben sich 2500 lbs., das ließ 850 lbs. als Zuladung zu. Dies könnte z.B. 3 mitteldicke Dudes zu je 250 lbs. mit 100 lbs. Gepäck oder 42 Kästen Bier zu je 20 lbs. oder jede andere Kombination die nicht 850 lbs. überschritt, bedeuten. Der Spruch : wen`s ins Flugzeug passt, dann fliegt sie auch, ist natürlich ein schlechter Scherz. Mein Boss sagte mir mich auf Zwei nach Lac La Croix vorzubereiten.
Das ist gerade mal etwas über eine halbe Stunde pro Strecke und die Tanks halbvoll ließ mir immer noch genug Reserve für einen eventuell nötigen Umweg. Aber, manchmal bin ich schlauer als ich sein sollte und dachte mir bei nur zwei Personen könnte ich auch voll tanken, welches mir beim nächsten Stopp Zeit für`n Kaffee ließ. Das Taxi brachte meine Fracht von der Stadt. Als sie aus dem Auto stiegen brach meine kleine Rechnung zusammen. Es waren der Häuptling und seine Frau. Er brachte es auf so 195cm und sein muskulöser Körper trug, wenn ich mich nicht sehr täusche, einen über durchschnittlichen Bierbauch, Marke 260 lbs - 275lbs. Verglichen mit seiner Frau war er allerdings schmal. Ich habe oft gehört das Fettleibigkeit eine Krankheit ist. Bei ihrem Anblick glaubte ich es, denn ich hielt es nicht für möglich dass jemand vom Essen alleine so dick werden könnte. Ich meine mega ultra dick.
Dann hievten sie ihre Lebensmittel aus dem Kofferraum.
Acht große braune Safe Way Papiertüten, bis übern Rand gefüllt, plus zwei 5o lbs Kartoffelsäcke und einen Zwiebelsack. Der Dockjunge packte alles auf einen Rollknecht und zog ihn auf mein armes Baby zu. Pete, der Häuptling, grüßte mich und fragte ob es turbulent werden würde. Er war in Ordnung, gab immer 10 $ Trinkgeld. Ich sagte:
" Wie geht`s Pete ? Muss das ganze Zeug jetzt mit oder können wir es im Kühlhaus lagern, bis das nächste Flugzeug es mitnehmen kann?"
Seine Frau wackelte den Dock runter, die Bretter knirschten.
" Eigentlich schon. Wir würden alles gern mit uns haben, oder ist das ein Problem?"
Ich überschlug meine Optionen :
A : ca. die Hälfte des Benzins aus den Tanks lassen. Das würde so `ne halbe Stunde dauern und Bob würde mich töten da "das Buch" voll war und eine Verzögerung am Morgen würde den ganzen restlichen Tag beeinflussen.

B : Darauf bestehen dass ein Teil hier bleibt, irgendeinen Grund vorschieben, wie die Schwimmer hätten ein Loch oder so was. Aber Pete flog schon Jahre länger mit Bob`s als ich und kannte alle Tricks.
" Nein, eigentlich nicht. Wir müssen halt ein bisschen länger taxing, das ist alles."
" Prima."
Dan half mir mit den Tüten und Säcken und dann stiegen die Zwei ein. Die Schwimmer versanken total für ein oder zwei Sekunden um dann zu einem Drittel wieder aus dem Wasser zu erscheinen. Ich kletterte ins Cockpit und ignorierte sie. Seit Sonnenaufgang wehte eine westliche Brise, jetzt hatte sich die Geschwindigkeit auf 12 Meilen erhöht, das könnte den Unterschied zwischen abheben oder nicht machen. Wir taxieten nach Osten für`ne halbe Stunde. Der Hanger schaute sehr klein aus und ich konnte den Dock nicht mehr ausmachen. Das Flugzeug schaukelte sachte von der einen zur anderen Seite. ich betete dass die Flügelspitzen nicht ins Wasser dippten. Normalerweise achtete ich immer sehr penibel darauf das meine Passagiere ihre Sicherheitsgurte umhatten. Pete war auch angeschallt, aber auf dieser Welt war noch keiner geschaffen worden der um seine Frau passte. Ich drehte den Vogel in den Wind, zog die Wasserruder hoch und drückte den Benzin Zug bis zum Anschlag. Wir bewegten uns etwas schneller, Sprühniesel verschlechterte meine Sicht. Ein bisschen Speed noch, ich drückte den Knüppel vor und zurück um die Schwimmer auf die Gleitstufe zu zwingen bis es gelang. Wenn sie gleitet, dann fliegt sie auch, vorausgesetzt man hat genug Wasser vor einem um die Abhebgeschwindigkeit zu erreichen. Das Ende des Sees raste auf uns zu. Rotation passierte bei 55 Meilen, so schnell zischten wir dahin, aber sie wollte nicht fliegen. Spätestens da wurde mir klar das ich einen Overload hatte. 56-57-58 die Nadel kroch nach oben. Jetzt überschritten wir den Punkt wo ich noch hätte abbrechen können, wenn mein Baby nicht in die Luft ging würden wir am Ufer zerschmettern. Pete sah mich an, endlich begriff er unsere Situation und fragte :
" Schaffen wir es?"
" Wir werdens bald wissen!"
Ich zog am Knüppel und ja! wir ließen den Griff des Wassers unter uns und besiegten die Gravität für den Moment. Wir überflogen das Ufer knapp und sehr vorsichtig drehte ich die Maschine in einer leichten Kurve in Richtung des Reservats. Ich schwörte mich nie wieder in eine solche Situation zu bringen. Den Schwur brach ich noch oft.

Pan pan

Ab und zu fliegen wir extra lange Strecken.
Dann füllen wir die Tanks bis zum überlaufen. Zusätzlich , wenn auch das nicht ausreicht, nehmen wir volle Benzinkanister in den Laderaum und ergänzen damit den Tankinhalt bei einer Zwischenlandung. Das ist zwar verboten, aber was soll’s. In dem Fall der Beaver gibt es drei Tanks unter dem Bauch. Insgesamt fassen sie 77 Gallonen. Jeweils 29 in den 2 Vorderen und 19 im Letztem. Der Pilot muss den zu benutzenden Tank manuell wählen, da sie nicht, im Gegensatz zur Cessna, automatisch aus allen Tanks saugt. Einen dann trocken zu fliegen ist relativ leicht. Mensch muss einfach nicht die Tankinhaltanzeigen beachten, den Benzindruckmesser ignorieren, der weniger als 5 Pfund pro inchquadraht angibt, und, dies ist allerdings das Schwierigste, das 10 Pfennig große rote Warnlicht, genau vor einem, übersehen. Zur meiner Schande muss ich gestehen, dass genau das mir einmal passiert ist und der Junge, der auf dem Copilotensitz neben mir saß, schaute ziemlich dumm und entsetzt aus der Wäsche als plötzlich inmitten des Flugs der Motor plötzlich anfing zu husten und dann ausging. Sofort schaltete ich auf einen anderen Tank und da der Propeller sich ja im Leerlauf weiterdreht und Benzin dann wieder in den Vergaser zieht und die Zündmagnetos immer noch auf Zündung standen, startete sie gleich vom neuem. Ich entschuldigte mich verschämt und versicherte Ihnen, dass mir das noch nie vorher passiert war. Sie akzeptierten es. Vielleicht nutzen sie es als unterhaltsame Geschichte zuhause, wenn sie über ihren nahe Tod Erlebnis während einer Angeltour in der großen weißen Wildnis des Nordens erzählten. Auf diesem speziellem Trip musste ich eine "Overload", das ist nur Gepäck welches zuviel für das erste Flugzeug war und deshalb nachgeschickt wurde, zu Blue Hills Lodge 268 Meilen nordöstlich fliegen. Die Beaver schluckt etwa 20 gal. die Stunde und kann dabei so 100 Meilen weit kommen. Beides variiert je nach dem Wind, dem Gewicht der Ladung und dem Zustand des Flugzeuges. Mit vollen Tanks könnte ich 400 Meilen fliegen. Um imstande zu sein den Rückflug zu machen, beabsichtigte ich an der Lodge nachzutanken. Ein Telefonanruf bestätigte mir, dass die gerade für diesen Zweck dort 45 gal.Tonnen gelagert hatten.
45 Minuten nach dem Start nahm ich meine vollautomatische Kamera unter meinem Sitz hervor, drückte das Türfenster runter und schoss einige Aufnahmen einer Hochspannungsleitung, die schnurgerade durch den Busch sich erstreckte, und von Windlinien auf einem See. Ich wollte herausfinden ob Mensch gute Fotos aus der Beaver schießen konnte ohne Teile von dem Flugzeug mit aufzunehmen. Nachdem ich einige Zentimeter Film belichtet hatte verstaute ich die Kamera, nicht ohne die Schutzkappe aufgestülpt zu haben, unter den Pilotensitz. Dann schaute ich über meine Instrumente und blieb schlagartig auf den Tankinhaltanzeiger hängen. Der hintere gab leer an und jawohl, auf dem Hinteren lief die Maschine gerade. Die Situation erwartete eine Reaktion und zwar den Tank zu wechseln. Ich reagierte sofort.
Nun ist es im Bereich des möglichen, dass ich dies mit ausreichender Erregung und übermäßiger Kraft und Hast vollzog so dass ich der Hauptschuldige daran wurde die Laufrolle unter dem Kabelzug weggedreht zu haben. Damit wurde der Tankwechseler unbrauchbar. Auf jeden Fall war`s passiert und ich stand vor dem Problem wissen zu müssen auf welchem Tank ich nun war, vorausgesetzt ich steckte nicht zwischen Zweien. Im Falle des Letzteren oder falls ich noch auf dem Hinteren lief, würde ich unweigerlich in kürze ohne Kraftstoff sein und damit ohne Motorleistung. Zum Glück befand ich mich zu dem Zeitpunkt über ein Gebiet mit mehreren Seen, groß genug für eine Landung. Einer lag genau vor meiner Nase, sein Ufer vielleicht `ne Meile entfernt und bei meiner Höhe von 1500 Metern konnte ich dorthin, sogar mit totalen Motorausfall, noch hingleiten. Nochmals drehte ich am Schalter, zwecklos, der Zug war abgesprungen und ohne Werkzeug kam ich da nicht ran. Mit dem Propeller immer noch unter Kraft drehend hatte ich ein wenig Zeit mir eine gute Landestelle aus zu suchen. Da sah ich ein Cabin mit einem Dock an dem See vor mir und entschied sie da runter zu bringen. Die Versuchung einen offiziellen "Gefahr in Verzug" Ruf in den Äther zu jagen, also ein 3-maliges Pan-Pan im Unterschied zu einem Notruf ( 3 mal Mayday ), spülte an die Oberfläche meiner Aktionsgedanken, doch wollte ich zuerst versuchen auf den Betriebskanal einen von unseren Piloten in der Luft zu erreichen.
" Hier ist OBB. Ist einer von Tonys da?"
" OBB, this RPK. Go ahead."
RPK, Asse`s Vogel.
" RPK,OBB. Ich hab ein Problem mit dem Benzinwechsler. Ich lande auf`nem See etwa 8 Meilen südöstlich von Stormy. Noch hab ich Leistung."
" OBB, hab verstanden. Mechanische Probleme südöstlich von Stormy. Ich schick die Kavalarie."
" O.K. Ich versuch dich noch mal vom Wasser zu erreichen."
" Viel Glück!"
Das Wasser zu erreichen stellte keine große Schwierigkeit da. Aber, ich sah eine menge Weißkappen und die sahen ziemlich hoch aus, welches wiederum bedeutete, dass dort unten ein mindestens 20 Meilen schneller Wind blies und in dem zu taxen mit Leistung oder noch schlimmer, die Beaver zu segeln mit ihrem großem Schwanzruder und den kleinen Wasserrudern war höllisch schwer. Wenn ich jetzt geradeaus landete, überschoß ich das Cabin um 300 Meter und müsste das Eine oder Andere machen. Die andere Option die ich durchdachte war, da ich ja noch Motorleistung hatte, und jetzt war klar, dass ich entweder auf dem mittleren Tank stand, und dann hätte ich mehr als `ne Stunde Flugzeit, oder aber immer noch auf den hinteren und dann hätte ich noch knappe 5 Minuten, einen engen Halbkreis zu fliegen, dabei immer in Gleitweite des Sees zu bleiben, und so vor dem Dock zu landen und leicht anzudocken. Nach ca. 4 Sekunden entschied ich mich zur sofortigen Landung und drückte den Knüppel nach vorn, die Nase senkte sich. Ich musste ein wenig sideslippen um schnell genug Höhe zu verlieren damit die Maschine nicht übers Wasser hinausschoss. Natürlich, 400 Fuß tief, starte mich ein gemeiner Felsbrocken mitten auf der besten Wasserpiste grausam an, bereit meine unschuldigen und sehr verletzlichen Schwimmer in Stücke zu zerreißen. Nichtsdestotrotz gelang mir eine passable Landung. Erleichtert atmete ich tief durch und trat voll auf das linke Wasserruder um das Flugzeug zum Cabin hin zu drehen. Inmitten der Kurve hustete der Motor ein paar Mal und erstarb. Der Benzindruckanzeiger zeigte null Druck und das rote Warnlicht sagte mir mit seiner Helligkeit seine Meinung. Kein Benzin, null,nichts. Den Kreis hätte ich nie und nimmer zu Ende geflogen. Wir begannen rückwärts zu segeln. Das große Schwanzruder wirkte wie eine Wetterfahne und so konnte ich ohne Motorleistung die Nase nicht aus dem Wind bekommen.
Nur beschränkt lenkbar fragte ich mich ob wir es an der kleinen Insel vorbei schafften oder ob mein Vogel und ich an die rauen Felsen gedrückt würden und halb versenkt, nach mehrfachen gnadenlosem Aufschlagen. Das Cabin schien sehr weit weg, doch da bemerkte ich ein kleines Boot auf mich zu rasen. Jemand hatte mich landen sehen und kam zur Hilfe.
" Howdy" rief ich ihnen entgegen, " wie geht`s? ".
Eine Frau und ein Mann in wetterfester Kleidung, gelbe Öljacken, befanden sich darin. Der Mann antwortete sogleich :" Uns geht`s fein, und Ihnen?"
" Naja, ich hab sozusagen kein Benzin mehr. Sie hätten nicht rein zufällig ein wenig Flugbenzin?"
" Tut mir leid, nein. Alles was wir haben ist Bootmix. Davon können sie gern was haben."
" Das würde schon helfen. Meinen sie ich kann bei ihren Cabin docken bis Hilfe kommt?"
" Na klar, ich bin gleich wieder da."
Sie fahren zurück zu ihrem Platz und keine 10 Minuten später bringen sie mir einen 5 gal. Kanister Sprit. Inzwischen hab ich mich genug beruhigt und fang an zu zittern. Mit dem schweren Kanister klettere ich durch das Flugzeug über meine Ladung zur anderen Seite bevor mir klar wird, das die Benzineinfüllstutzen immer noch auf der selben Seite sind, genau da wo ich gerade noch stand und das Benzin entgegen genommen habe, nämlich hinter mir. Also kriech ich wieder zur Ausgangsposition und fülle den Kanister in den hinteren Tank, von dem ich ja bis zuletzt den Treibstoff gezogen hatte. Nachdem ich die Wackelpumpe wackelte um den Druck aufzubauen röhrte der Motor mit neuen leben. Mit Schwung versuchte ich die Beaver in Richtung Cabin zu drehen ,aber sie wollte und wollte nicht. Sogar mit extra viel Leistung, eigentlich zu unterlassen, da das dadurch aufgespritzte Wasser den Propeller stark beschädigen kann, blieb sie stur in den Wind. Der Mann lenkte sein Boot näher, die Frau machte komische Bewegungen, rauf und runter mit ihrem Arm, als ob sie was ständig hochziehen wollte. Hören konnte ich sie nicht über das Motorengetöse. Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren. Die Wasserruder steckten immer noch vom Versuch des Segels in der "Oben" Position. Mit einem Schafsgesicht ließ ich sie runter und fast wie von selbst gehorchte mir mein Vogel. Wit taxieten zu ihrem Dock und ich band sie fest.
Auf dem Weg versuchte ich noch mal Ass oder einen anderen Flieger zu erreichen, vergeblich. Aber das war jetzt auch egal. Die Beschreibung die ich gegeben hatte war gut genug gewesen. Zwei Stunden später fanden sie mich mit Pete und seinem Werkzeug an Bord. Er hatte mein Baby in 45 Minuten repariert. Mit dem Schalter auf den mittleren und vollen Tank gestellt, nachdem ich mich bei meinen Gastgebern und Helfern in der Not bedankt hatte, setzte ich meinen Flug in die blauen Weite fort, als ob nicht passiert wäre.

Quecksilber

So gut sich Three Rivers meiner Seele anschmiegte, umsomehr zog mich Narrow Falls runter. Three Rivers hatte sich selbst vor 14 Jahren trocken gewählt. Klar, gelegentlich wurde die ein oder andere Flasche reingeschmuggelt, ich selbst flog einmal einen Ersoffenen, bedingt durch saufen, raus aus dem Reservat. Und wenn sie auf Besuch in der Stadt waren gab es oft eine große Weinerei beim Abschied.
Aber im Dorf selbst lachten die Leute und machten Witze mit und über uns, halfen uns beim docken und entladen. An Krankenflugtagen genossen die Gebrechlichsten und leidesten Mitglieder der Gemeinschaft handfeste und mitfühlende Hilfe vom stolzesten der Stolzen. Wenn eine Person halb gelähmt von Krankheit oder Schmerz ist, stellt es ein ziemliches Problem dar, die schmale Planke hoch zu gehen, sich zu bücken und auf den Buschsitz zu quetschen. Nach Narrow Falls schlängelte sich eine Straße, die es mit dem Rest der Welt verband. Nur wenn die überflutet wurde, regelmäßig im Frühjahr, wenn der Regen und geschmolzener Schnee nicht durch den noch gefrorenen Boden abfließen konnte, oder ein Haufen schrottiger Unfallautos die Durchfahrt verhinderten, flogen wir rein. So um die zwanzig heruntergekommene Häuser beschmutzten den Rand eines recht großen Sees. Es wurde einem geraten, den Fisch daraus nicht zu essen. Vor 15 Jahren baute die Elektrizitätsgesellschaft einen riesigen Damm flussaufwärts. Der Stausee setzte den ganzen Busch unter Wasser, und Quecksilber wurde aus dem Erdreich und der verrottenden Biomasse abwärts gespült. Die national geltende Höchstmenge ist seitdem überschritten. Nach jahrelangen Gerichtskämpfen, vielen Todesfällen und Körper-Deformationen, verursacht durch die Verunreinigung, gewannen die Indianer eine Geldentschädigung.
Der Häuptling und sein Bruder unterschlugen und stahlen die Hälfte davon und verließen die Gegend für immer, der Rest kaufte dem Reservat soviel Feuerwasser umso ziemlich alle Erwachsenen zu zerstören, und die Kinder zahlten den allerhöchsten Preis. Ein Ontario Provincial Polizist erzählte mir, dass sie im Winter mit T-Shirts und Turnschuhen, aus denen die Zehen rausschauen, bei minus 40 Grad rumlaufen. Wenn sie krank sind pflegt sie keiner. Die Eltern liegen irgendwo im Rausch oder trinken bei einer der immerwährenden Parties. Die Selbstmordrate ist die höchste im ganzen Land. Im Sommer vergeht kaum eine Woche ohne einen gewaltsamen Tod.
Mal eine Selbsterhängung, mal ein brutaler Messer- oder Axtmord, und auch Schusswaffen werden benutzt. Ein paar Mal fand er eine Leiche, wo die Leber, die dem ständigen Druck der Überbelastung nicht mehr standgehalten hatte und explodiert war, Blut aus den Ohren, Mund, Arschloch und Nasenlöchern schießend. Eine sehr blutige Angelegenheit. Ich konnte es mir vorstellen. Als ich meinen Vogel an ein paar morschen Brettern, zusammengehalten von rostigen, krummen Nägeln und dünnen Seilen, festband, humpelten zwei Kinder zum Flugzeug herunter.
„Hast du Suff mitgebracht, weißer Mann?“ fragte mich einer keck.
„Wieso seid ihr nicht in der Schule?“ erwiderte ich verblüfft.
„Wir müssen nicht zur Schule. Wir sind Indianer. Hast du nun Suff oder nein?“
„Nein. Ich hab' kein' Alkohol.“
„Dann verpiss' dich du Wichser, hau ab!“ Er konnte nicht älter als acht sein, struppig und dreckig. Ich will nach vorne stürzen und ihn mir schnappen, da erkenne ich aus dem Augenwinkel heraus eine Bewegung an der Rückseite des Flugzeuges. Ein anderer, noch jüngerer hat sich durch die hintere Luke gezwängt und versuchte alles, was er ergreifen konnte, zu stehlen. Der Ältere warnte ihn durch einen Schrei und der kleine Junge sprang in den See und versuchte zu schwimmen, begann aber zu unterzugehen, so dass ich mit einem Fuß auf dem Schwimmer und mit einer Hand am Flügelstützer hängend in seinen Haarschopf griff und ihn rüber zum Dock zog. Er schlug nach mir und rannte seinem Kumpel nach, fluchend und schreiend. Ich entlud die drei Pakete aus meinem Vogel, stapelte sie auf dem Sandstrand. Schulbücher und zwei mit Gesundheits- und Wohlfahrtsaufklebern. Ich sah mich ein bisschen im Dorf um, erstaunt über den Unrat.
Müll lag überall verstreut und Plastikstücke flatterten im Wind. Ein Haufen grauer Geweihe und ein paar zahnlose grinsende Elchschädel verbreiteten morbide Schwingungen, ein Schneemobil auf die Seite gekippt, seine Verkleidung durchlöchert und die Raupenkette gerissen. Dann sah ich die Zwei wieder, einen Erwachsenen im Schlepptau. In der einen Hand hielt er eine Flasche, es konnte nur Whiskey sein, in der anderen ein Gewehr.
Vom Hügel herunter zeigten die Blagen auf mich und schrieen den Alten an, vielleicht dreißig Meter von mir, dem Dock und meiner DHC-2 entfernt. Ich konnte kaum glauben was dann geschah. Der Mann ging in die Knie, presste den Schaft der Jagdwaffe in seine Schulter und zielte auf mich. Ich hab' Docks schon schnell verlassen, aber diesmal brach ich alle Rekorde. Ich hatte die Beaver vom Steg gedrückt und den Motor an, bevor der erste Schuss durch die Stille peitschte. Er musste wohl vorbeigeschossen haben, denn den Zweiten fühlte ich in das Flugzeug einschlagen. Selbstverständlich hielt ich nicht an, ich spekulierte ,dass meine Chancen, mit einem getroffenen Flugzeug besser standen, als rum zu stehen bis er mich traf. Am heimischen Base fanden wir ein Loch am oberen Schwanzruder. Tom rief die Bullen. Ein Streifenwagen wurde zu uns geschickt.
„Wir fahren hin und checken das durch.“, meinte der rothaarige Polizist, “aber passieren wird sowieso nichts. Es wird keine Zeugen geben. Die können sich an nichts erinnern, selbst wenn sie es versuchen würden.“
„Wieso wird nichts unternommen, um den Kindern zu helfen?“ fragte ich.
„Die Sozialarbeiter haben es versucht, so gut sie konnten. Aber die haben jetzt auch Angst. Eine Frau haben sie dort vergewaltigt und umgebracht, ein paar Männer sind richtig gut durchgeprügelt worden. Vor 15 Jahren, bevor der Damm gebaut war, lebten so um die sechzig Familien in Narrow Falls, jetzt, soviel ich weiß noch vierzehn. Ich gebe denen noch fünf Jahre, dann hat sich das Problem von selbst gelöst.“ Wir sind da nicht mehr hingeflogen.



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